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Telefon aus – Leine los!

Wenn das Telefon um zwei Uhr nachts klingelt, bedeutet das nichts anderes als verdammten Ärger.

So beginnen viele klassische Kriminalgeschichten, in denen das mitten in der Nacht klingelnde Telefon das Leben zur Hölle macht. Man weiß es und geht trotzdem ran.

Die Noir-Ära ist unwiderruflich vorbei, und mit ihr das massive, elegante Ebonit-Gerät mit einer edlen Wählscheibe. Man stößt den schweren wie ein Fleischklopfer Kopfhörer nicht mehr auf die Gabel. Jetzt genügt ein Fingerschnippen auf einem Bildschirm von der Größe einer Zigarettenschachtel, um ihn zu bedienen. Was sich nicht geändert hat, ist der unanfechtbare Klingelton.
“Handy” ist nichts anderes als eine Leine. Man ist erreichbar, egal wo und wann. In deiner Tasche traegst du ein Gerät, das gleichzeitig ein Telefon, ein vernetzter Computer und ein Fernseher ist. Und es kommuniziert rund um die Uhr mit dir. Es klingelt, brummt, piept und wenn du es stumm schaltest, vibriert es. Immer und überall, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit. Es klingelt bei Verwandten und Fremden, es klingelt bei Türstehern und Automaten. Wenn sie nicht anrufen, schreiben sie. Verkäufer, Interviewer, Schuldeneintreiber, Prediger und Betrüger. Ton, Blitzlicht, Nase auf dem Bildschirm. Du verfolgst die Nachrichten, die Werbung, die Profile deiner Freunde in den sozialen Netzwerken. Du lebst das Leben eines anderen. Dein eigenes Leben wird dir diktiert. Du wirst von einem digitalen Wecker aus dem Schlaf geweckt und das Wetter wird von einer Wetter-App bestimmt. Digitale Geschmacksmacher wählen deine Unterhaltung aus, Ernährungsalgorithmen zählen die leeren Kalorien von Fake-food.
Du akzeptierst dies alles. Bis du feststellst, dass du deine eigene Leine in der Hand haelst. Du weisst bereits, was zu tun ist.
Du machst sie los. Du überschreitest die Grenze, die dich vom echten Leben trennt.
Jetzt verabschiedest du dich vom Tag mit einem Sonnenuntergang. Du spürst die Kühle der Nacht und den Geschmack von Kaffee, der in einem Kessel über einem Lagerfeuer zubereitet wird. Der Geruch von Rauch, der vom Wind getragen wird. Du sitzt im Schein der Flammen, ganz ohne Leine. Genau wie dein Hund. Du amüsierst dich über den Gedanken, dass dies für euch beide eine ungewöhnliche Situation ist.
Jetzt bemerkst du, dass das echte Leben überall ist? In jedem Funken, der gegen den verblassenden Himmel tanzt, im Knistern des Holzes in einem Lagerfeuer. Die Luft ist durchdrungen vom feuchten Geruch des Waldes. Probleme fliegen davon wie Schatten, die sich vor dem Licht fürchten. Die meisten von ihnen sind so offensichtlich wie eine Welt, deren Grenzen durch die WLAN-Reichweite definiert sind.
Du schaust auf das Feuer und denkst: Hier ist ein mächtiges Element zu meinen Diensten, es gibt mir Wärme, gleich wird es mir warmes Essen geben. Die Gaben der Natur erröten auf der gusseisernen Bratpfanne. Es ist lange her, dass du so wahrhaftig und einfach gegessen hast. Du bist in Glückseligkeit und Frieden. Du bist da, wo du hingehörst. Du schmeckst die Freiheit mit all deinen Sinnen.
Du bist offline.

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